Feuerball

Den folgenden Traum habe ich häufig in meiner Kindheit geträumt und noch oft daran zurückgedacht.

Lesedauer ca. 7 Minuten

Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte durch das Fenster meines Kinderzimmers nach draußen. Ich tagträumte mich über die Baumwipfel hinweg, die unseren Garten umschlossen. Schon kurze Zeit nachdem mein Unterbewusstsein diesen Ort geschaffen hatte, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich entriss mich der Unendlichkeit, die hinter der Glasscheibe des Fensters lag und stand mit einem unguten Gefühl von meinem Schreibtischstuhl auf. Ich öffnete die Tür von meinem Kinderzimmer, trat in den Flur hinaus, ging die Treppe hinunter und rief am Fuß der Treppe angekommen: „Mama? Papa? Hallooo??“
Niemand antwortete. Das seltsame Gefühl, das mich aus meiner Magengegend beschlich, machte mir klar, dass ich vollkommen allein war. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass meine Eltern im Garten waren und so öffnete ich die Haustür, um über die Treppe hoch zur Haustür einen Blick in den vorderen Teil des Gartens zu werfen. Aber nicht nur das war der Grund, warum ich die Tür öffnete. Irgendetwas zog mich magisch an, ließ mich die Tür öffnen und zog mich nach draußen. Was ich dort erblickte, waren nicht meine Eltern, sondern etwas Unerwartetes. Etwas, dass mich versteinern ließ, mir den Atem raubte und mich gleichzeitig faszinierte.

Ein lodernder, hell erleuchteter Feuerball, größer als mein junges kleines Selbst, schwebte hinter dem Treppenaufgang zur Haustür. Neben der tiefen Faszination, spürte ich eine große Gefahr, die von diesem Phänomen ausging. Es war wie eine Art Kugelblitz, ein Mysterium, um dessen Existenz man sich nicht sicher war, nur eben auf der Basis von Feuer statt Elektrizität und um ein Vielfaches größer.

Allmählich begriff ich, dass der Feuerball sich mir langsam, aber sicher näherte und es dauerte einen Moment, bis der Fluchtinstinkt sich von einem Gedanken in die Bewegung meiner Beine und Füße verwandelt hatte. Ich stolperte ein paar Schritte rückwärts und plötzlich war der Feuerball so nah, dass ich es nicht einmal mehr für möglich hielt, die Haustür noch zu schließen. Der Feuerball hatte die Schwelle überschwebt, weshalb ich mich hektisch umdrehte und die Treppe so schnell hinaufrannte, wie ich nur konnte. Anstatt den Versuch zu unternehmen, mich in mein Kinderzimmer einzusperren, wand ich mich die enge Treppe zum Dachboden hoch und schloss sofort die Luke hinter mir. In diesem Moment war ich mir sicher, in diesem unwirklichen Szenario allein gewesen zu sein und so meinen Bruder nicht in Gefahr gebracht zu haben, falls sich dieser noch in seinem Zimmer befunden hätte.

Unmittelbar nachdem ich eine unbehagliche, eher stechende Wärme unter meinen Füßen spürte, wurde mir klar, dass ich aus dem Haus fliehen musste. Also öffnete ich eines der kleinen Dachfenster, quetschte mich hindurch und rutschte vorsichtig über die Dachziegel bis zur Regenrinne herunter. Ich versuchte mich dabei mit meinen Füßen und Händen abzubremsen, um die Regenrinne nicht in ihrer Befestigung zu lockern. In der Position konnte ich nach ein paar vorsichtigen Schritten nach links einen großen, dicken Ast der Platane vor unserem Haus erreichen. Auf jeden Fehltritt und -griff bedacht, kletterte ich auf den Ast und weiter bis zum Stamm des großen Baumes. Zögerlich und hektisch zugleich kletterte ich auf die tiefhängenden Äste, um mich von dort aus in die dichteste Stelle des Strauchbeetes unter dem Baum fallen zu lassen.

Ohne mich auch nur umzuschauen, spürte ich die gefährliche Wärme des Feuerballs und so hastete ich aus dem Gebüsch. Ich rannte ein kurzes Stück über die Straße, ohne mich umzuschauen, ob ein Auto kam. Ein weiterer Moment, in dem ich merkte, dass ich vollkommen allein war. Ich beschloss, den Spazierweg neben unserem Haus als Fluchtweg zu wählen. Obwohl ich keine Schuhe trug, spürte ich die kleinen Steine auf dem Schotterweg nicht. Zwischen den bekannten zwei Wegoptionen, gab es plötzlich einen dritten Weg, den ich nie zuvor gesehen hatte. Der unbekannte dunkle Pfad, war wie in einem wundervollen Garten in Form eines Bogens zugewachsen. Es war eine Art grüner Tunnel, an dessen Ende ein schummriges, violett angehauchtes Licht schien. Ich entschied mich für diesen Pfad, in der Hoffnung, dass es ein Portal sein könnte, das mich vor dem sich nähernden Feuerball zu schützen vermochte.

Doch während ich diesen Pfad entlangrannte, wurde es immer dunkler und als der Weg immer breiter wurde und seine tunnelähnliche Form auflöste, war es nachts. Ich befand mich plötzlich auf einem Waldweg, mit einem Boden aus Sand und Stein, so glatt wie samtiger Flüsterasphalt. Die Bäume links und rechts des Weges hatten gleichmäßig breite Stämme und bauschige Baumkronen. Die Farben, wie das Braun der Baumstämme, das satte Grün der Blätter und das tiefdunkle Blau des Nachthimmels, konnte ich trotz der Dunkelheit erkennen. Insgesamt konnte ich den Verlauf des Weges gut sehen und dafür, dass es nachts war, war es recht hell. Dennoch war kein Mond zu sehen.

Beeindruckt von diesem Ort, den ich bisher noch nicht kannte, blieb ich stehen und blickte mich erstaunt um. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass der natürliche Tunnel mich wirklich wie eine Art Portal in Sicherheit gebracht hatte. Um mich selbst von dem Gedankengang zu überzeugen, drehte ich mich langsam um… und sah am Ende des Weges den Feuerball aus dem grünen Tunnel auf mich zu schweben. Ich wunderte mich, dass der Feuerball den pflanzenbedeckten Tunnel nicht in Brand gesteckt hatte und beschloss wieder loszurennen, auch wenn ich nun die Gefahr des Feuerballs in Frage stellte. Ich rannte und rannte, bis ich ein Gebäude vor mir erblickte.

Ein Hochhaus mitten im Wald. Anders als im Wald zuvor, war hier jegliche Farbe aus der Welt gewichen. Ein monochromes Betongrau bestimmte hier den Ton dieses Areals. Mit der drückenden Wärme im Rücken, blieb mir nicht viel Zeit zum Überlegen. Das Gebäude, an dem monochrome Schlingpflanzen hochrankten, hatte nicht einmal eine Tür. Grundsätzlich wirkte das Hochhaus noch ziemlich unfertig, wie auf einer stillgelegten Baustelle. Ich betrat das Gebäude und wunderte mich nicht darüber, dass es darin nicht wesentlich dunkler war als draußen.

Vor mir lag ein riesiger Raum. Links und rechts von mir konnte man anhand der Betonwände weitere Räume erahnen. In der Mitte des großen Raumes befand sich eine Treppe, die ebenfalls nur aus Beton bestand und keinerlei Geländer hatte. Kurzerhand entschied ich mich die Treppe hochzusteigen. In den Etagen darüber, sah es so aus, als wäre die Treppe von einem Flur umgeben, von dem vier Wohnungen abgingen, eine Tür in jeder Himmelsrichtung. Unwissend, wie viele Treppenstufen ich schon erklommen hatte, erreichte mich die Erschöpfung erst an der obersten Treppe. Die letzten Stufen führten zu einer einzelnen Tür, die offen stand. Ich ging hindurch und stand in einer leeren Wohnung. Nur hinter mir, an der Wandseite der Tür, befand sich eine Betonwand. Die anderen drei Wände, links von mir, vor mir und rechts von mir, waren aus Glas. Obwohl der einzelne Raum nicht so groß war wie die unterste Etage, hatte die leere unfertige Wohnung einen gewissen Stil und Penthouse-Charakter. Durch die Glaswände konnte ich erkennen, dass ein Balkon die Wohnung umschloss. Passend zum ganzen Gebäude bestand die Balkonbrüstung zu den drei Seiten der Wohnung aus Beton.

Immer noch schwer atmend durch die Anstrengung des Treppenlaufs und der allgemeinen Anspannung durch die Flucht, ging ich ein paar Schritte auf die Balkontür zu. Meine Neugier besiegt mein schutzsuchendes Ich und mit einem entschlossenen Griff und Schritt betrat ich den Balkon. Auf diesem wurde mir das Ausmaß des Verfalls bewusst. Das Gebäude musste schon sehr lange nicht mehr betreten worden sein. Ich entdeckte einige Risse im Beton, monochrom bemooste Stellen und graue Pflanzen, die aus den Fugen der Bodenplatten sprossen. Mit der Absicht mir einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen, trat ich ganz nah an die Betonbrüstung des Balkons heran. Ich stützte meine Hände ab und ließ den Blick über die endlosen Weiten dunklen Waldes schweifen. Meilenweit war nichts außer Wald. Auch vom Dach des einsamen Hochhauses konnte ich keinen Mond oder eine andere Lichtquelle erkennen, die mir in dieser Welt das Sehen ermöglichte.

Mit einem Schlag spürte ich eine unglaubliche Hitze und der Feuerball erhob sich vor mir. Angst überkam mich, aber ich konnte mich nicht bewegen. Wie in einem Bann, musste ich in das Brennen, das lodernde Feuer starren. Faszination tötete meinen Fluchtinstinkt und ich bemerkte nicht, dass sich der Feuerball mir langsam näherte. Das flammende Inferno in Kugelform schwebte mir entgegen und sehr langsam verschmolzen wir. Wir wurden Eins und überall um mich herum war helles Licht und eine tiefe Wärme. Dann wurde alles schwarz…

Verfasst von: Charleen