Die Trübwaldjagd

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Grün, überall Grün. Die Wälder erstreckten sich über das hektargroße Anwesen des Murk-Grafen. In einer gedachten Linie teilte sich das grüne Meer und das große alte Herrenhaus ragte wie eine Insel zwischen den endlos langen Wiesen und dem unheilvollen Wald hervor.

Das Herrenhaus a la Wayne Manor war ein eindrucksvolles Gebäude mit Burgmauern, die sich auf der Rückseite des Hauses in einer Dachterrasse zusammenschlossen. Die Dachterrasse bot einen unglaublichen Ausblick über Weiten der Baumriesen. Ein wunderschön verziertes und verschnörkeltes Geländer aus schwarzem gegossenen Schmiedeeisen begrenzte nach hinten raus die riesengroße Terrasse.

Ich stand am Geländer, bewunderte die grünen Weiten und das Unbekannte, das in dem Waldgebiet vor mir lauerte. Kaum vorstellbar, dass ich mich jemals wieder von dem Anblick lösen könnte.

„Wie schön, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind!“, tönte eine donnernde Stimme von hinten. Aus den pompösen alten Holztüren trat ein charismatischer Mann. Mit seinem Gehstock, den er eher als Accessoire nutzte statt als Gehhilfe und einem schwarzen Samtfrack mit goldenen Nähten, strahlte er ein Maß an Autorität aus, so dass binnen eines Augenblicks alle Anwesenden zu ihm herüber starten und ungläubig seine Erscheinung betrachteten.

„Wie in jedem Jahr suchen wir wieder einen Herrn des Trübwaldes oder natürlich… eine Herrin, meine Damen…“ Bei den letzten Worten warf er einen durchdringenden Blick in die Runde und musterte jede einzelne Anwärterin für den Bruchteil einer Sekunde.

„Sie alle kennen das Prozedere der Jagd. Sie findet seit Jahrzehnten jedes Jahr zum Ende des Sommers statt. Ich bin ein Mann der Tradition und werde erneut den letzten verbleibenden Jäger küren. Allerdings hat sich mit der Zeit einiges verändert, so dass wir uns das Blutvergießen sparen… sollten. Sie haben nun also bis Sonnenuntergang Zeit – finden Sie ein Versteck eines Siegers angemessen und verharren dort bis zur Dämmerung. Vor allem aber, schalten Sie die Konkurrenz aus, die wie ein verängstigtes Tier in der Falle kauert. Denn sollten sich zu viele Feiglinge unter Ihnen befinden, die sich auf ein jämmerliches Versteck verlassen, gewinnt der Jäger mit den meisten Treffern. Für jeden hier haben wir ein Hilfsmittel bereitgestellt. Sie müssen wählen und sollten schnell eine Entscheidung treffen.“ Von den etwa 30 Jägern und Jägerinnen schauten sich einige um und versuchten Waffen oder ähnliches zu erspähen. Alle anderen hatten keine Chance den Blick vom Grafen abzuwenden und verharrten in ihrem Bann.

Mit einem herausfordernden Lächeln fuhr er fort: „Auf mein Kommando wählen Sie Ihr Utensil und begeben sich umgehend in den Wald. Sobald der letzte Teilnehmer das Gebiet erreicht hat, wird ein lautes Horn ertönen und Ihnen signalisieren, dass es bis Einbruch der Dunkelheit kein Zurück mehr gibt. Ambition ist für mich heute die oberste Tugend. Aufgeben wird mit dem Tode bestraft… Möge die Jagd beginnen!“

Die ersten lösten sich aus der Faszination und setzten vollen Fokus auf die Aufgabe. Zögerlich entwickelte sich ein wildes Durcheinander. Manche stolperten herüber zu einem Tisch mit einer samtenen Tischdecke in einem blutroten Ton und mit einer schweren goldenen Kordel und Quasten. In Reih und Glied lagen dort 15 gleiche Messer mit einer polierten Klinge und massivem Holzgriff. Auf der anderen Seite neben den geöffneten Holztüren stand ein weiterer Tisch. Auf dessen blutroter Samttischdecke standen zehn Öllampen. Jede für sich verströmte neben einem einzigartigen Duft ein ganz besonderes Flair. Von einer auf die andere Sekunde versperrten aufgescheuchte Anwärter meinen Blick auf die Tische.

Während ich noch darüber nachdachte, wie unterschiedlich doch der Kleidungsstil der Teilnehmer war – von Abendkleid bis Kampfanzug war alles dabei – wunderte ich mich, dass ich keine Erinnerung daran hatte, wie ich überhaupt in dieser Situation gelandet war. Aber der Graf vermittelte allein durch sein Auftreten, dass er weder Widerrede noch Zögern duldete. Also tat ich wie mir geheißen und näherte mich wieder dem Geländer der Terrasse. Den Blick auf die unzähligen Bäume gerichtet. Hilfsmittel, Waffe, was sollte ich nur mitnehmen? Wo sollte ich in diesem riesigen Wald ein Versteck finden und gleichzeitig sichergehen, dass dabei die Zahl der verbleibenden Anwärter kontinuierlich sinkt. Andere Jäger streiften mich bei einem hektischen Sprung von der Terrasse und drängten mich zu einer Entscheidung. Der Graf trat von der Seite an mich heran und ließ mich ein paar Schritte mit ihm gehen.

„Ich denke nicht, dass das Messer oder die Öllampe etwas für Sie ist. Ich denke, Sie sollten fliegen.“ Er deutete hinüber zu einem Vorsprung der Dachterrasse, wo eine Öffnung im Geländer war. Es wirkte fast wie eine Startbahn für etwas.

Links von dem Vorsprung lagen fünf Jet-Packs. Verwundert schaute ich zum Grafen auf, der mich mit seiner eindrucksvollen Statur überragte. Er nickte mir aufmunternd zu und ich griff nach einem der Raketenrucksäcke. Es war ein hochmodernes Gerät im Ghostbusterrucksackformat und in einem schlichten Schwarz gehalten. Zwei silbern schimmernde Schubdüsen sollten mich also Fliegen lassen. An den Jet-Pack war eine klassische Fliegerjacke aus dunkelbraunem Leder und beigem Fell eingenäht. Zögerlich griff ich mein Utensil und streifte die Jacke mit Jet-Pack über. Den Reißverschluss zog ich bis zum Kinn zu. Bei der Dunkelheit, die der Wald schon aus sicherer Entfernung ausstrahlte, würde es sicherlich in den nächsten Stunden sehr kühl unter dem dichten Blätterdach werden.

Der Graf trat einen Schritt zurück und bereitete mir den Weg zur Kante des Vorsprungs. Wie ein Pinguin tapste ich mit dem schweren Jet-Pack ein paar Schritte vor. Bereit zum Absprung – so ganz traute ich dem ungewohnten Gewicht auf meinem Rücken jedoch nicht. Wenn ein Pinguin, der immerhin ein Vogel ist, schon nicht fliegen kann, wie soll mich dieses Ding dann durch die Luft an mein Ziel befördern. Wo auch immer mein Ziel war… schließlich bin ich nie zuvor in dem riesigen Wald, der vor mir lag, gewesen. Na gut, hilft ja alles nichts. Ein letzter Blick nach hinten. Alle anderen Teilnehmer hatten die Dachterrasse bereits auf dem einen oder anderen Wege verlassen. Der Blick des Grafen ruhte ungeduldig auf mir und ich beschloss, mich dieser darin liegenden Dringlichkeit keine Sekunde länger auszusetzen. Fest drückte ich den Knopf an dem Handregler, der mich an die Steuerung einer Carrerabahn erinnerte und drückte mich mit all meiner Kraft von der Kante ab.

Ich schnellte gleichzeitig nach vorne und nach oben, ließ in meiner Überforderung den Drücker los, um diesen sofort unkontrolliert erneut einzusetzen. Der Rückstoß ließ mich in einem halben Rückwärtssalto durch die Luft wirbeln und mich die Orientierung über alle Himmelsrichtungen verlieren. Mit meinem harten Aufprall auf dem Boden ertönte das Horn.

Ich rappelte mich auf und richtete den Jet-Pack für einen Neustart aus. Zum Glück war die Dachterrasse in der ersten Etage, so dass ich außer ein paar Schürfwunden heil davon kam.

Balance ist das A und O, also sorgte ich für einen festen Stand und fokussierte mich auf eine Richtung. Mit Konzentration und Fokus hoffte ich diesmal zielgerichtet emporzusteigen. Mit dem Druck meines Daumens steigerte sich das Düsengeräusch auf meinem Rücken, bis mich ein sanfter, aber deutlicher Schub in die Luft hob. Es fiel mir diesmal leichter mich auszubalancieren und ich steuerte mit meinem Körpergewicht vorwärts.

Fliegen – es fühlte sich unglaublich leicht und unbeschwert an. Als hätte ich nie etwas anderes gemacht, schoss ich über die grünen Fluten unter mir hinweg und vergaß für einen kurzen Moment meine eigentliche Aufgabe. Aus dem Augenwinkel erblickte ich eine Lichtung und beschloss dort nach einem Versteck Ausschau zu halten. Der Abstand zum Herrenhaus musste nun schon ein paar Kilometer betragen.

Ich tauchte ein in das trübe Grün, landete mitten auf der Lichtung und sicher auf meinen Füßen. Die Sonne schien schon mit deutlich weniger Kraft durch das Blätterdach. Ich drehte mich ein paar Mal in beide Richtungen im Kreis und entschied mich dann aus der Bewegung heraus für eine Richtung. Mit zügigen Schritten ließ ich mich auf meinem Weg von dem Wald verzaubern. An manchen Stellen glitzerte die Sonne durch das dunkle, fast schon bläuliche, Grün. An anderen war es so dunkel, dass man sich sicher sein konnte, dass dieser Wald einige Geheimnisse verbarg.

Nach einer Zeit erreichte ich ein Gebäude mit der gleichen sandsteinfarbenen Mauer wie das Herrenhaus. Es war sehr zugewachsen, weshalb man die Ausmaße des Gebäudes nicht erahnen konnte. Eine schwere gotische Tür verbarg einen langen Gang, in den nur mäßiges Licht durch ein paar Schlitze in der Mauer fiel. Der Staub tanzte im schwachen Sonnenlicht. Ich folgte dem Gang. Nach ein paar Metern eröffnete sich mir ein weiterer Gang. Ich konnte geradeaus oder rechts gehen. Zwischen diesen Gängen befand sich ein leuchtend heller, aber zugewachsener Innenhof mit Bäumen und Büschen. Es sah fast genauso aus wie in Hogwarts. Jeden Meter ließ ein steinernes Fenster den Blick auf den Innenhof zu.

Plötzlich hörte ich hektische Schritte auf einem Gang und wollte mich schnell verstecken – aber wo? Meine Reaktionszeit ließ zu wünschen übrig, so dass zwei Männer um die Ecke schossen und vor mir genau so überrascht stehen blieben.
„Komm mit, wenn Du hier noch so herumirrst brauchst Du bestimmt noch ein Versteck!“, rief der eine. Langsam begann ich zu nicken. „Dann komm, die anderen sind hier um die Ecke. Wir wollen uns erst einmal zusammen verstecken und dann machen wir ein kleines Spiel. Der Gewinner wird nicht abgeschossen.“, ergänzte der andere. Beide machten auf dem Absatz kehrt und verschwanden wieder hinter der Ecke, von der sie gekommen waren. Sehr zögerlich setzte ich einen Schritt in ihre Richtung an und stoppte dann noch einmal. Was wenn das ein Trick war? Aber was hatte ich schon zu verlieren. Allein das Fliegen war es wert gewesen, an der Jagd teilgenommen zu haben. Und allein vom Verstecken würde ich sowieso nicht gewinnen.

Schnellen Schrittes lief ich um die Ecke, wo neben den beiden Männern zwei Frauen und ein Jugendlicher wartete. Alle trugen Westen und als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass meine Jet-Pack-Jacke plötzlich auch mit solch einer Weste ausgestattet war. Alle hielten etwas in der Hand, weshalb ich reflexartig das Steuergerät in die Hand nahm. Der Gang, in welchem wir nun standen, war deutlich kürzer und vor uns lag ein verzierter Torbogen in den nächsten Gang. Der andere Gang war so sonnendurchflutet, dass es fast blendete.

Eine der Frauen warf mir einen skeptischen Blick zu und musterte mich von oben bis unten. Mit ihren dunklen Haaren und nussbraunen Augen zu dem schwarzen Overall mit Schussweste erinnerte sie mich an Nairobi von Haus des Geldes. Nach einem Moment bedeutete sie mir, mich mit dem Rücken nah an die Wand zu stellen, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Gedanklich bereitete ich mich auf einen Angriff vor. Es wirkte nicht so, als wäre nun das Spiel an der Reihe, dass die beiden Männer zuvor erwähnt hatten. Niemand gab ein Laut von sich und dann hörte ich ein leises Knirschen aus dem anderen Gang. Ein Schatten trat in das gleißende Licht unter dem Torbogen. So musste die Ankunft des Todesengels aussehen. Gefangen in meiner Faszination rührte ich mich nicht. Als jedoch alle anderen hektisch ihre Waffen abfeuerten, umklammerte ich mein Steuerungsgerät fester und presste meinen Daumen unkontrolliert auf den Drücker. Wie zielte man überhaupt damit?

Ein Blitz durchzuckte mein Sichtfeld und tauchte für einen Augenblick alles in das weißeste Weiß, dass ich je gesehen hatte. Ich blinzelte und kehrte in die Welt der Sehenden zurück. Reflexartig schaute ich an mir runter, denn ich spürte einen plötzlichen Druck in der Magengegend. Auf meiner schwarzen Schutzweste war ein großer weißer Fleck. Es sah ein wenig aus wie die Rückstände einer kleinen Explosion auf meinem Bauch. Sternförmig verteilte sich das helle Pulver über die Weste.

Ungläubig schaute ich auf, die anderen aus meiner Gruppe wurden ebenfalls getroffen. Aus dem hellen Gang waren Rufe und das laute Knirschen fliehender Schritte zu hören. Wenn wir also getroffen wurden, bedeutete es für uns das Ende der Jagd. Eine Welle der Enttäuschung traf mich und ich wurde fast erschlagen, von den Gefühlen der gesamten Gruppe. Niedergeschlagen schauten wir uns an.

Am liebsten wäre ich einfach wieder den Gang zurückgelaufen, weiter durch die schwere Tür und hätte mehr Zeit im Trübwald verbracht – die Schönheit genossen und all seine Mysterien aufgedeckt. Aber ich wusste, dass es bereits vorbei war. Ich war froh überhaupt als Anwärterin dabei gewesen zu sein und dadurch den Trübwald betreten haben zu dürfen. Einen Moment dachte ich noch darüber nach, dass ich durch die Rede des Grafen viel mehr Blutvergießen erwartet hatte. Dann wurde alles schwarz…

Verfasst von: Charleen

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